George R.R. Martin – A Game of Thrones: Prolog – Kapitel 2

„Every noble house had its words. Family mottoes, touchstones, prayers of sorts, they boasted of honor and glory, promised loyalty and truth, swore faith and courage. All but the Starks. Winter is coming, said the Stark words.“

Prolog

Was passiert
A Game of ThronesDrei Männer der Night’s Watch reiten durch eine winterliche, weithin verlassene Landschaft auf der Jagd nach einer Gruppe von Wildlingen, Gesetzlosen. Angeführt wird der Jagdtrupp von einem ungestümen Adligen namens Waymar Royce, der die Mahnungen zur Vorsicht seines erfahreneren Kameraden Gared in den Wind schlägt. Will, als Späher der dritte im Bunde, ist auf das Lager der Wildlinge gestoßen und meint, sie wären alle tot, erfroren, doch als er mit seinen Gefährten an die Stelle zurückkehrt, sind die Leichen verschwunden. Stattdessen begegnen die Männer dort etwas anderem, das sie nicht erwartet haben.

Was Sache ist
Als Kontrastprogramm zu den vielen Serien (und aus Vorfreude auf die fünfte Staffel Game of Thrones, ahem) werde ich kapitelweise den ersten Teil von George R.R. Martins A Song of Ice and Fire, A Game of Thrones (man beachte den Artikel), besprechen. Ich lese das Buch nicht zum ersten, nicht einmal zum zweiten Mal, merke aber jetzt schon, wie sehr das den Blick für Details schärft, die ich bisher vielleicht übersehen habe. Denn ASoIaF ist nichts, wenn nicht komplex und so fein gezeichnet, dass es sich lohnt, auch mehr als einmal in die Welt von Westeros und Essos abzutauchen – und nicht etwa, auf die Bücher zu verzichten, weil man ja die Serie schon kennt. Pfui! Wobei die umgekehrte Reihenfolge natürlich günstiger ist, aber auch um den Vergleich werde ich an vielen Stellen wohl nicht herumkommen.
Wir beginnen also mit der Night’s Watch. Was genau diese ist und was sie bewacht, außer einer (scheinbar weinenden) Mauer, lernen wir zunächst nicht; woraus sie zu bestehen scheint, allerdings schon: Will ist ein verurteilter Wilddieb, der den Dienst in der Wache dem Verlust einer Hand vorgezogen hat, und Waymar Royce ein Adliger mit zu vielen älteren Geschwistern. Ein Sworn Brother zu sein scheint wohl ein eher ungeliebter Job für Männer ohne Alternativen zu sein, aber zugegeben, warum würde man sonst durch abgelegene Wälder irgendwelchen Wilden hinterher jagen?
Wir befinden uns in einer Feudalgesellschaft, so viel wird aus dem Schlagabtausch zwischen Royce und Gared deutlich. Gared bezeichnet Royce als „Lordling“, sagt ihm das sogar ins Gesicht. Interessant, dass Royce das relativ locker nimmt. Trotz seiner Arroganz und Sorglosigkeit, wohl altersbedingt, scheint er zumindest kein völliger Idiot zu sein (zumindest gelingen ihm kohärente Gedanken), auch wenn er dumme Entscheidungen trifft, die aber weder Will noch der aufmüpfigere Gared verweigern, obwohl sie ihn verachten. In der Night’s Watch scheinen Befehlshaberposten nach Adelstitel, nicht nach Erfahrung oder Befähigung vergeben zu werden. Unsere Geschichte zeigt, dass das nicht die klügste Art von Organisation ist, was auch in Westeros nicht anders zu sein scheint. Jedenfalls findet Ser Waymar Royce ein unnötig schnelles Ende, als the Others kommen. (Ich komme nicht umhin, das mit einem koreanischen Akzent zu lesen. Damn you, Lost.) Wir befinden uns offenbar in einem Fantasy-Roman. Das wird man auf den nächsten 700 Seiten öfters mal vergessen, man darf also ruhig mal darauf hinweisen. Was genau die Others sind und was es mit den Zombies auf sich hat, darauf warten wir noch eine Weile, denn der arme Will hat uns auch nicht mehr viel zu erzählen.

Kapitel 1 – Bran

Was passiert
Bran, mittlerer Sohn von Lord Eddard Stark von Winterfell, reitet mit seinen Brüdern aus, um der Hinrichtung von Gared beizuwohnen, der sich des Eidbruchs schuldig gemacht hat. Lord Eddard vollzieht die Strafe persönlich und erklärt Bran, warum: „the man who passes the sentence should swing the sword.“ Auf dem Rückweg finden sie einen toten Direwolf, eine monströse Wölfin, die von einem Hirsch aufgespießt wurde, samt fünf lebendigen Welpen – eines für jedes von Lord Eddards ehelichen Kindern, wie sein Bastardsohn Jon Snow feststellt. Erst zuletzt findet Jon einen sechsten Welpen, einen Albino, den er selbst adoptiert.

Was Sache ist
Das erste reguläre Kapitel, und wir lernen eine der zentralen Figuren des Buches kennen, die gerade eine Hinrichtung vollzieht – nicht gerade gewöhnliche Exposition, vor allem nicht aus dem Blickwinkel eines Siebenjährigen. Gared wird nicht namentlich genannt, aber wir erkennen ihn anhand seinen Narben wieder. Scheinbar ist er den Others entkommen und wurde auf der Flucht gefasst, was einem Eidbruch gleichkommt, wodurch er sich den Tod verdient hat. Was wohl hätte passieren können, hätte sich jemand angehört, was der Arme zu sagen hat? (Auch wenn es nicht scheint, als wäre er noch zu einem rationalen Gespräch in der Lage.) Für eine archaische Feudalgesellschaft ist die Todesstrafe, wie sie zumindest von den Starks betrieben wird, aber nicht uninteressant: „A ruler who hides behind paid executioners soon forgets what death is.“ Schöne Mittelalterphilosophie. Und sehr charakteristisch für Ned Stark, bei dem es mir (im Unterschied zu anderen Charakteren) übrigens recht leicht fällt, vom TV-Eddard zu differenzieren. Wenn ich das Buch lese, habe ich nicht Sean Bean vor Augen, und das liegt nicht nur am Altersunterschied. Zum Thema Alter, Bran ist für einen Siebenjährigen recht altklug geraten. „Can a man still be brave if he’s afraid?“ Jetzt aber genug philosophiert.
Exposition: Wir lernen, dass Adel nicht gleich Adel ist. Lord Stark ist „Warden of the North“, der sich, wie ein kurzer Blick auf die Karte von Westeros zeigt, immerhin über den halben Kontinent erstreckt, und es scheint andere MMNs (Menschen Mit Nachnamen) zu geben, die ihm untergeben sind. Und dann gibt es noch den Fall uneheliche Kinder, unzeremoniell Bastarde genannt, die im Norden den Namen Snow verpasst bekommen. (Das scheint nur für adlige Bastarde zu gelten, und man wage die Vermutung, dass es im Süden entsprechende Regelungen ebenfalls gibt.) Jon Snow erscheint damit gleich ein wenig der Underdog zu sein – und Sympathieträger, nachdem er Theon Greyjoy zurecht als „ass“ abcancelt (dieser Nervsack, ein Kapitel, und ich könnte ihn bereits …) und sich für die Direwolf-Welpen einsetzt. Guter Typ. Ich mag Buch-Jon deutlich lieber als Serien-Jon, auch weil mir die Art und Weise, wie er agiert, im Buch deutlich natürlicher erscheint – und auch das hat wieder damit zu tun, dass Jon im Buch deutlich jünger, nämlich erst 14 ist. (Ähnliches gilt später für Robb.) Aber darüber werde ich wahrscheinlich später noch Romane schreiben müssen.
Eine Sache noch: Ich bin mir sicher, beim ersten Mal den Direwolf-Antler-Zusammenhang beim ersten Mal überlesen zu haben, zumindest hatte ich ihn bis eben völlig vergessen. Der Direwolf wurde aufgespießt von einem Hirschen, was die Anwesenden besorgt schweigen lässt, auch wenn Bran nicht versteht, warum. Das mittelalterliche Setting Westeros‘ geht offenbar mit dem entsprechenden Maß an Aberglauben einher, und der Direwolf steht für House Stark, so viel ist bereits klar. (Das erklärt wohl auch den Unwillen der Erwachsenen, die Welpen als Omen anzusehen, denn wenn sie für Neds Kinder stehen, steht die tote Wölfin ja wohl für …? Jenau.) So wenig offensichtliche Fantasy-Elemente GRRMs Bücher erhalten, so viel und gerne arbeitet er mit Prophezeiungen, Omen, mit Andeutungen des Mystischen und Übernatürlichen. Ich persönlich finde das sehr angenehm und deutlich spannender als feuerspeiende Drachen oder Eiszombies. Gerade diese Art von Fantasy belohnt natürlich ein zweites oder drittes Lesen, wobei diese Szene noch die am Wenigsten subtilste dieser Art in der Serie sein dürfte.

Kapitel 2 – Catelyn

Was passiert
Catelyn Stark, geborene Tully, sucht ihren Ehemann Ned im godswood von Winterfell auf und berichtet ihm vom Tod Jon Arryns, Neds Mentor und Schwager, was ihn zutiefst schockiert, und vom anstehenden Besuch König Robert Baratheons in Winterfell.

Was Sache ist
Das zweite Kapitel ist vor allem eins: Worldbuilding. Während Catelyn durch den godswood stapft, grübelt sie kurz die kulturellen Unterschiede zwischen Süden, aus dem sie stammt, und Norden, etwa die unterschiedlichen Religionen – „not for the first time, she reflected on what a strange people these northerners were“ – und einige weitere Dinge werden kurz angerissen, wenn auch nicht weiter erklärt: Die Children of the Forest, anscheinend eine Art Westeros-Elben; das (wie auch immer) untergegangene Valyria und die dort praktizierte Magie; das Zeitalter der Helden, in dem die Starks noch als Könige über den Norden herrschten; und schließlich Mad King Aerys II Targaryen, über den wir lediglich erfahren, dass er eine Rebellion Robert Baratheons und Eddard Starks provozierte, der sich Lord Arryn anschloss, wohl auch Lord Hoster Tully, Catelyns Vater, dessen zweite Tochter Lord Arryn ehelichte, und schließlich auch die Lannisters von Casterly Rock. Genug zu verarbeiten? Eine Sache fehlt noch: Die eingangs zitierten Haussprüche, das Winter is coming der Starks – der Winter naht. Nettes Motto soweit, wobei es in einem Land, in der so etwas wie Spätsommerschnee existiert, tatsächlich bedrohlich klingt, speziell nach dem, was wir im Prolog über Kälte erfahren haben.
Die Existenz von arrangierten Ehen ist in einer feudalistischen Gesellschaft wohl kaum eine große Überraschung. Das Verhältnis von Catelyn und Ned wirkt soweit respektvoll und stark unterkühlt. Wenn eine Ehefrau ihren Mann abwechselnd mit „my love“ und „my lord“ anredet, sollte man wohl langsam die Paartherapie erfinden. Der Kinderanzahl nach scheint zumindest ihr Sexleben einigermaßen intakt. Weiter erfahren wir von Lord Arryns Tod, Ursache ungeklärt, auch wenn er nicht der Jüngste gewesen sein kann, und dem Ritt des Königs gen Norden. Soweit nicht ungewöhnlich, unser Mittelalter kannte durchaus seine Reisekönige, auch wenn wir hier erfahren werden, dass die Sache etwas anders liegt. Die Königin gehört den Lannisters an, und Robert „had never forgiven them“, dass sie sich seiner Rebellion erst spät anschlossen – das klingt nach einer fürwahr liebevollen Ehe. Immer noch keine Paartherapie? Kein Wunder, dass die Aristokratie ein bisschen aus der Mode gekommen ist.

Auf einen Direwolf-Welpen und eine arrangierte Ehe kann ich verzichten, freue mich aber auf’s Weiterlesen – nächste Woche, gleiche Zeit.

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