George R.R. Martin – A Game of Thrones: Kapitel 3-4

Hallo zurück zum Reread von GRRMs „A Game of Thrones“. In Zukunft werden jeweils zwei Kapitel pro Woche gelesen und rekapituliert, da der letzte Post doch arg lang geworden ist.

„I swear to you, sitting a throne is a thousand times harder than winning one.“

Kapitel 3 – Daenerys

Was passiert

A Game of ThronesDaenerys, Tochter des Mad King Aerys Targaryen, lebt mit ihrem Bruder Viserys, der sich als legitimer König der Sieben Königslande sieht, im Exil in Braavos, auf der Flucht vor Robert Baratheon und in der Gunst eines reichen Händlers namens Illyrio Mopatis. Magister Illyrio verspricht Viserys Hilfe bei der Rückeroberung seines Königreiches. Sein Plan sieht vor, Daenerys mit dem Barbarenfürsten Khal Drogo zu vermählen. Im Gegenzug stellt dieser Viserys die nötige Armee, um gegen König Robert ins Feld zu ziehen. Daenerys, die sich an ihre Heimat Westeros nicht einmal erinnert, will davon nichts hören, fügt sich jedoch aus Angst.

Was Sache ist
Eigentlich schon ein zentraler Wendepunkt in der Art und Weise, wie A Game of Ice and Fire konstruiert ist: Spätestens ab diesem Kapitel wissen wir, dass die Serie trotz Eiszombies nicht nach Tolkien’scher Manier vom epischen Kampf Gut gegen Böse handeln wird. Stattdessen prallen zwei unterschiedlichen Auffassungen von Geschichte aufeinander: Auf der einen Seite Ned Starks Bruder, der vom Mad King zu Tode gefoltert wurde; auf der anderen Seite die Ausrottung des Targaryen-Clans für die Verbrechen eines Einzelnen oder aus Angst, dass sie ihren Thron erneut einfordern könnten. Hier eine „gute“ Seite auszumachen, dürfte selbst mit einem Bachelor in angewandter Ethik nicht ganz einfach sein – wie das eben so ist in realistisch dargestellten politischen Konflikten. Nun wird Viserys nicht eben so dargestellt, dass man ihn gerne auf einem Thron sehen möchte: Ein selbstverliebter, arroganter, grausamer Mensch, der den Regierungsstil seines Vaters erahnen lässt. „‚I’d let his whole khalasar fuck you if need be, sweet sister, all fourty thousend men, and their horses too if that was what it took to get me my army.'“ So viel Herzensgüte auf einmal, fasst dieser Satz den gesamten patriarchaischen Sexismus der Vormoderne doch perfekt zusammen. Jemand wie Viserys käme wohl nicht einmal auf die Idee, das Wohlergehen seiner Schwester gegen seine politischen Ziele auch nur abzuwägen. Instant-Hate. In der Serie ist Viserys, dessen eher eindimensionaler Charakter im Buch natürlich einem zweck geschuldet ist, tatsächlich etwas differenzierter, auch dank Harry Lloyd.
Talk about incest. Über das Thema wird es noch einiges zu reden geben. Das Kapitel etabliert, dass die Targaryen-Könige jeweils ihre Schwestern zu heiraten pflegten. „Targaryen did not mingle their blood with that of lesser men“, die Übertragung von Bluterbauffassungen des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Adels auf die Geschwisterehe etwa der Pharaonen. Eine gewisse sexuelle Note scheint auch in der Geschwisterbeziehung der dreizehnjährigen Dany und Viserys durchaus gegeben zu sein. „The blood of old Valyria“ – vom untergegangenen Valyria haben wir schon flüchtig gehört, erfahren aber auch hier nichts über die Art dieses Untergangs. Wie auch immer, Dany scheint lange genug unter Viserys‘ Fuchtel gestanden zu haben, um seine kruden Ansichten zu einem gewissen Teil übernommen zu haben, auch wenn sie zumindest nicht den baldigen Blitzkrieg herbeisehnt. Eigentlich will sie nicht viel mehr als ein Zuhause – auch wenn sie eine gewisse Fasziniation für die „Heimat“ nicht verhehlt, als Illyrio sie auf Drogos Empfang auf die Anwesenheit von Ser Jorah Mormont, eines ebenfalls exilierten Ritters aus Westeros, hinweist. Gemessen an seiner Bedeutung für die Story ein sonst eher inhaltsarmes Kapitel. Etwas verwirrend bleibt die Geographie der Freien Städte im Verhältnis zu Westeros – inzwischen kenne ich entsprechende Karten, beim ersten Lesen kannte ich sie nicht, die Karte im Buch deckt ja nur Westeros ab. Dabei wäre die Entfernung nach Westeros ja durchaus relevant für das Ausmaß der Bedrohung, der Dany und Visy (höhö) ausgesetzt sind. Wenn schon Karte, denn schon Karte.

Kapitel 4 – Eddard

Was passiert
Ned Stark heißt König Robert und seine Entourage in Winterfell willkommen. Anstatt sich von der Reise zu erholen, drängt Robert sofort auf einen Besuch in der Gruft Winterfells, um seiner verstorbenen Verlobten, Lyanna Stark, Neds Schwester, deren Entführung durch Rhaegar Targaryen Roberts Rebellion auslöste, seine Ehre zu erweisen. Er bittet Ned darum, mit ihm in die Hauptstadt King’s Landing zurückzukehren und ihm als Hand des Königs, also als de facto Regent des Reiches, zu dienen. Ned, der den Norden nicht verlassen will, bittet um Bedenkzeit. Der König gewährt ihm diese und träumt schon einmal von einer nachgeholten Vereinigung ihrer Häuser: Der Verlobung von Roberts Sohn, dem Kronprinzen, mit Neds ältester Tochter.

Was Sache ist
Ernsthaft, das wohl einzig Interessante an Eddard Starks Charakter ist das Geheimnis um Jon Snow. Meine feste Überzeugung, in unserer Zeit würde Ned wohl BWL studieren. Wir bekommen eine ungefähre Vorstellung davon, wie nahe Ned und Robert sich einmal gestanden haben müssen, und nun haben sie seit neun Jahren nicht miteinander gesprochen – was okay ist, aber hey, es gibt immerhin Briefe, selbst für einen König. Ned, der nicht gerade als sonderlich eitel erscheint, fällt nun auch nichts ein, als sich über Roberts Äußeres den Kopf zu zerbrechen. An wem der Mangel an Kontakt wohl liegt? Aber man lebt wohl nicht freiwillig im hohen Norden, weil man besonders gut mit Menschen kann. Wir lernen, dass Catelyn zuerst mit Neds Bruder verlobt war und dann wohl nach dessen Tod Ned geerbt hat. Das erklärt einen Gutteil des doch eher formellen Verhältnisses der beiden, auch wenn keiner von ihnen damit sonderlich unglücklich erscheint, oder wenigstens glücklicher als Robert – „‚The Others take my wive.'“. Verwunderlich, dass sich das mit der Zwangsheirat bei uns nicht länger gehalten hat.
Wir hören von Balon Greyjoys Rebellion neun Jahre zuvor, effektiv also fünf Jahre nach Roberts Rebellion, und der geneigte Politikwissenschaftler fragt sich natürlich sofort, wie alltäglich solche Bürgerkriege in Westeros sind. Es deutet zumindest auf eine gewisse Fragilitätsperiode nach dem Zusammenbruch einer lange andauernden stbilen Herrschaft hin, und das wiederum lässt fragen, ob diese Fragilität noch anhält. Zumindest scheint Viserys ja ein paar Häuser im Kopf zu haben, die von Roberts Herrschaft nicht begeistert sind. Ned spricht die Mauer im Norden an, und die Art und Weise, wie Robert reagiert, verrät einiges darüber, warum die Stärke der Night’s Watch so dezimiert ist, wie sie ist, und lässt schon einmal erahnen, weshalb der ganze Zombie-Plot sich zu gegebener Zeit zum Problem entwickeln könnte. Überhaupt ist das ganze Kapitel einschließlich des Eingangszitats eine wunderschöne Umschreibung des von GRRM häufig geäußerten Fakts, dass gute Krieger nicht automatisch auch gute Könige abgeben müssen. Robert Baratheon scheint alles in allem ein recht miserabler König zu sein; ob Ned Stark dann die richtige Wahl als Hand of the King ist, sei mal dahingestellt.
Wir hören außerdem ein wenig über Lyanna und ein Versprechen, das Ned ihr vor ihrem Tod (unter ungeklärten Umständen) gegeben hat, und aus der Satzstellung schließen wir, dass es sich dabei um das Versprechen handelte, dass sie in Winterfell bestattet würde. Ausdrücklich gesagt wird das nicht. Im Hinterkopf behalten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s