George R.R. Martin – A Game of Thrones: Kapitel 5-6

Alkoholmissbrauch durch Minderjährige? in Westeros keine große Sache. Ich widme mich den nächsten beiden Kapiteln bei einem leckeren Apfelsaft.

„‚Never forget what you are, fore surely the world will not. Make it your strenght. Then it can never be your weakness. Armor yourself in it, and it will never be used to hurt you.'“

Kapitel 5 – Jon

Was passiert

A Game of ThronesZu Ehren des Königs und seiner Gefolgschaft findet ein Festmahl in den Hallen von Winterfell statt. Jon Snow, Lord Eddards Bastardsohn, beobachtet die royale Gesellschaft von den Tafeln des Fußvolkes aus, wohin Lady Catelyn ihn verbannt hat. Sein Onkel Benjen Stark gesellt sich zu ihm, und Jon verleiht seinen Wunsch Ausdruck, in der Nicht’s Watch zu dienen, doch Benjen hält ihn nicht für reif genug dafür. Betrunken und wütend zieht sich Jon aus der Halle zurück und trifft auf Tyrion Lannister, den kleinwüchsigen Bruder der Königin, der seine ganz eigenen Ansichten über komplizierte Familienverhältnisse hat.

Was Sache ist
Die Einführung mindestens zweier Fan Favourites. Man merkt den Altersunterschied gegenüber der Serie an keinem Charakter so sehr wie an Jon, der deutlich impulsiver und weniger reserviert (und damit zugänglicher) erscheint. GRRM hält nicht gerade mit der niederen Stellung unehelicher Kinder in (großen Teilen von) Westeros hinterm Berg, aber gewisse Freiheiten ermöglicht diese Stellung eben auch, und Jon scheint diese Realitäten gut einschätzen zu können, was ja schon in Brans Kapitel durchschien: „A bastard had to learn to notice things“. Dafür legt er allerdings auch eine gewisse Oberflächlichkeit an den Tag, was sein ritterliches Ideal angeht, als er den fetten König und Jaime Lannister vergleicht. Wir lernen, dass Jaime der Kingslayer ist, von dem in Danys Kapitel schon die Rede war. Das wird noch nicht weiter diskutiert, sorgt aber bei leidlich historisch interessierten Leser*innen zumindest für hochgezogene Augenbrauen, denn ein schwereres Verbrechen als Regizid war zumindest in unserem Mittelalter kaum denkbar, während Jamie lediglich mit ein wenig Getuschel klarkommen muss. Aber hey, niemand außer Viserys scheint die gloreiche Regentschaft des Mad King so wirklich zu vermissen. (Und wahrscheinlich nicht mal Viserys, der sich wohl lieber selber auf dem Thron sieht als seinen Good Ol‘ Dad.)

Dann begegnen wir Benjen, dessen Auftritt ich bis heute nicht ganz verstehe. Kann man bei der Night’s Watch mal eben Urlaub beantragen, wenn die Herkunft stimmt? Und warum sollte Benjen ein sonderliches Interesse daran haben, Roberts Besuch mitzubekommen? Das alles wird nie erklärt und erscheint mir ein recht gedankenlos konstruierter Dreh zu sein, um Jons und Tyrions Handlungsstränge auf den Weg zu bringen. Jedenfalls führt Benjens (nachvollziehbarer und sogar ziemlich sympathischer) Ratschlag, Jon solle sich erst mal die Hörner abstoßen, bevor er eine so richtungsweisende Entscheidung trifft wie der Night’s Watch beizutreten, dazu, dass Jon aus der Halle stürmt und den Imp Tyrion Lannister trifft, der nicht viel von aufgesetzten Festlichkeiten zu halten scheint, artistisches Geschick beweist und außerdem voller praktischer Lebensweisheiten steckt. „All dwarfs are bastards in their fathers‘ eyes“ – in seiner typisch sarkastischen Art gibt Tyrion uns einen ersten Eindruck, wie wundervoll es sein muss, in einer archaischen Welt wie Westeros kleinwüchsig geboren zu werden, selbst wenn man dabei immerhin das Glück hat, in der richtigen Familie gelandet zu sein. Ganze zwei Seiten reichen GRRM schon, um einen der spannensten Charaktere der Fantasy-Literatur zu skizzieren, und wenn das konsequente Worldbuilding der ersten Kapitel noch nicht gereicht hat, möchte man spätestens hier weiterlesen. Ganz wunderbar funktioniert übrigens auch die Charakterdynamik zwischen Jon, Ghost und Tyrion, von der man mehr sehen möchte. Und ja, Ghost besitzt hier schon mehr Charakter als, sagen wir mal, Ned Stark, der alte Staubsaugervertreter. Beinahe übersehen: Wir lesen zum ersten Mal (abgesehen von der Karte) von Dorne, das mal von einem übereifrigen Targaryen erobert und wieder verloren wurde.

Kapitel 6 – Catelyn

Was passiert
Catelyn versucht, Ned dazu zu überreden, den Titel der Hand des Königs anzunehmen, doch Ned sieht seinen Platz in Winterfell. Beide werden von Maester Luwin unterbrochen, der eine Nachricht für Catelyn bringt. Sie stammt von ihrer Schwester Lysa und enthält eine verborgene Nachricht: Jon Arryn sei ermordet worden, von den Lannisters. Um die Angelegenheit aufzuklären, willigt Ned schließlich ein, nach Süden zu gehen. Catelyn soll jedoch mit Robb und Rickon, dem jüngsten Sohn, in Winterfell bleiben. Und Jon Snow? Catelyn, die Ned seinen Bastardsohn immer noch verübelt, weigert sich, ihn bei sich zu behalten. Luwin weißt beide darauf hin, dass Jon der Night’s Watch beitreten will. Ned ist zunächst unsicher, willigt aber schließlich ein.

Was Sache ist
Jon Snows Mutter. Für viele Fans das große Thema, wenn es darum geht, die Bücher zu diskutieren. Wir haben bereits im vorigen Kapitel gelernt, dass Jon selbst nicht weiß, wer seine Mutter ist bzw war. „Some woman, no doubt. Most of them are“, wie Tyrion so treffend kommentiert. Jon wurde geboren, während Ned im Süden an Roberts Seite gegen die Targaryens kämpfte, und nach dem Ende des Krieges brachte Lord Stark den Bastard mit nach Winterfell, eine scheinbar ungewöhnliche Behandlung unehelicher Kinder, mit denen etwa König Robert, so scheint es, weitaus weniger eng verkehrt. Gerüchten zufolge sei Jon das Kind von Lady Ashara Dayne, deren Bruder, Ser Arthur, Ned gerade im Zweikampf erschlagen hatte. Jupp, das klingt ausgesprochen glaubhaft – ebenso wenig wie die Chronologie des Ganzen übrigens. Roberts Rebellion muss mindestens neun Monate gedauert haben; wir wissen bereits, das Ned und Jon Arryn gleichzeitig die beiden Schwestern Catelyn und Lysa geehelicht haben, um das Bündnis mit Riverrun zu besiegeln, also bereits nach Anbruch der Rebellion, und hier lesen wir, dass Robb, Neds ältester Sohn, bereits geboren wurde, während Ned noch im Krieg war. Die Schilderung der Ereignisse durch Catelyn lässt vermuten, dass Ned und Lady Ashara, wenn sie sich denn überhaupt trafen, das erst nach Ende der Kampfhandlungen taten, was Jon mindestens ein knappes Jahr jünger als Robb machen würde, obwohl sie immer als relativ gleich alt dargestellt werden, und danach müsste Ned noch mal neun Monate im Süden geblieben sein, da Jon und seine Amme schon in Winterfell warteten, als er Catelyn dorthin brachte – wer immer sich dieses Gerücht, das mehr offensichtlich nicht ist, ausgedacht hat, hat offenbar nicht viel Zeit auf Nachdenken verwendet, und zumindest Catelyn hätte darauf auch kommen müssen. Diese Verschiebung der Ereignisse, die Gleichaltrigkeit von Robb und Jon und Neds Aussage, „He is my blood, and that is all you need to know“, taugen schon einmal als erste, schon ziemlich deutliche Hinweise für eine äußerst beliebte Fantheorie, die in späteren Kapiteln wohl noch ausführlicher zu thematisieren sein wird.

Genug Fanboi-Palaver. Catelyn macht noch einmal auf das Direwolf-Antler-Omen aus Kapitel 1 aufmerksam, das ich schon wieder verdrängt hatte, warum auch immer, und natülrich können wir es jetzt als einen drohenden Konflikt zwischen den Häusern Stark und Baratheon lesen. Lysas Nachricht besagt darüber hinaus, dass Jon Arryn durch die Lannisters ermordet wurde. Damit sind die Spielfiguren für die erste Runde des Game of Thrones bereits gesetzt. Wir erfahren nicht, weshalb die Königin die Hand des Königs hätte ermorden sollen, aber bislang wissen wir auch so gut wie nichts über House Lannister, außer, dass sie als exzellente Opportunisten herhalten und ihre politische Leitlinie damit nicht unbedingt von Skrupeln diktiert wird. Und diesen Leuten wollt ihr also eure Tochter anverheiraten, damit sie nicht merken, dass ihr misstrauisch geworden seid. Hey, klingt nach einem guten Plan. Meinem Eindruck nach ist Neds Zögern in diesem Kapitel nur zu verständlich, und Catelyn argumentiert eher aus Tully- denn Stark-Perspektive. „The south is a nest of adders I would do better to avoid.“ Sehr wahrscheinlich das Klügste, was Ned das ganze Buch über von sich gibt. Er hätte auf seinen heißen Quellen sitzen bleiben, die letzten Ernten einfahren, irgendwann mal zwischendurch mal mit Mance Rayder abrechnen können – aber nein, Madame und der ach so kluge Maester müssen ja alles ruinieren. Im Ernst, natürlich sind Luwins Argumente in der gegebenen Situation die richtigen, aber eher im Sinne des Reiches als im Sinne der Starks. Hier wäre vielleicht eine etwas gründliche Pro-Contra-Debatte angebracht gewesen, als das ganze Thema auf anderthalb Seiten abzuhandeln. Wir lernen leider auch eher wenig über die Maester, außer, dass sie eine Art Mischung aus Arzt und politischem Ratgeber zu sein scheinen, Allround-Gelehrte in einem Zeitalter wissenschaftlichen Desinteresses und damit keine völlig unwichtigen Figuren, was noch zum Tragen kommen wird.

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