Du hast meinen Propheten beleidigt!

„How fragile the belief of a Muslim must be if he feels threatened by a stupid caricature in a weekly satirical newspaper?“, fragt sich Slavoj Žižek in The New Statesman. Den Attentätern von Paris scheint es, ihm zufolge, an einem authentischen Fundamentalismus zu mangeln, dessen Glaube zu tief ist, um durch Ungläubige bedroht zu werden. Was Žižek hier fehlt, scheint die Distinktion zwischen absolutem und relativem Fundamentalismus zu sein. Während letzterer sich gerade durch die Differenz des Anderen definiert, ein Markenzeichen etwa für viele exklusive Sekten ohne großen missionarischen Anspruch, wobei in der Regel Auserwähltheitsmythen (inklusive etwa Paradiesen mit beschränkter Aufnahmekapazität) nicht selten eine Rolle spielen, entwirft der absolute Fundamentalismus sich als Universalismus. Sein Wertfundament ist alleingültig. In diesem Sinne ist jede Abweichung eine Konkurrenz und damit eine Bedrohung. Das gilt für die westlichen Menschen- und Bürgerrechte kaum weniger als für das Verbot der Prophetenbeleidigung im fundamentalistischen Islam.

Im Streit um Charlie Hebdo treffen damit zwei fundamentalistische Positionen aufeinander und schließen einander aus. So kann es im Sinne der Meinungsfreiheit nicht anders als zutiefst kritisch gesehen werden, wenn „Muslimvertreter in den nächsten Tagen auch Zeitungsredaktionen besuchen [wollen], um Respekt vor religiösen Gefühlen anzumahnen“, wie die Zeit berichtet. Die „Verletzung religiöser Gefühle“ folgt keinem rational-modernen Maßstab; sie gehört der Art von Beleidigungen an – und das wiederum würde Žižek unterschreiben -, die allein im Kopf passieren. Ein den Koran in diesem Sinne auslegender Islam ist damit automatisch fundamentalistisch und ergo nicht vereinbar mit dem Universalismusanspruch der rationalen Moderne – genauso wenig wie ein fundamentalistisches Christentum, welches das biblische Verbot der Darstellung Gottes wörtlich auslegt. Das Cover der aktuellen Ausgabe von Charlie Hebdo ist damit ein Akt „menschlicher Größe“, wie Netzpolitik.org meint, vor allem aber ein Hinweis darauf, dass es einen Islam gibt, der vereinbar ist mit dem Menschenrechtsuniversalismus – und eben einen, der es nicht ist.

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