Daniel Abraham – Sommer der Zwietracht

„Du bist kein Mörder, und ich bin ein Dichter – wenn wir diese Entwicklung noch aufhalten wollen, muss sich einer von uns beiden ändern.“

Was passiert
Sommer der ZwietrachtIn den Sommerstädten herrscht seit Generationen Frieden und unermesslicher Wohlstand, gesichert nicht durch militärische Stärke, sondern durch die Macht der Dichter und ihrer Andaten – in Menschengestalt gebundene Ideen, Halbgötter, deren erzwungene Dienste die Städte der Khais unangreifbar machen. Doch der Andat Samenlos, mit dessen Hilfe die Hafenstadt Saraykeht zum unumstrittenen Zentrum des weltweiten Baumwollhandels geworden ist, intrigiert um seiner Freiheit wegen mit fremdländischen Handelsunternehmen, die alles daran setzen, die Khais und ihre Dichter zu Fall zu bringen.

Was Sache ist
Moderne Fantasy ist im Großen und Ganzen tolkienesk. Das ist kein Geheimnis und selbst dort zu beobachten, wo mit klassischen Tolkien’schen Schemata, insbesondere dem Kampf Gut gegen Böse gebrochen wird, etwa George R.R. Martins „A Song of Ice and Fire„: Drama verlangt Konflikt, und in klassischer High Fantasy bedeutet das fast immer Krieg. Nicht einmal in der Space Opera ist diese Fixierung auf Krieg als Grundmotiv derart ausgeprägt. Ob relativ simplistischer Tolkien-Nachklapp (Brooks, Paolini) oder komplexe Saga, die mehr an ausgefeiltem Storytelling und menschlichen Abgründen interessiert ist als an Waldelfen und Hokuspokus (Erikson, Donaldson), das Vermächtnis des Professors scheint darauf hinauszulaufen, dass Autoren klassischer Fantasy zumindest ein ordentliches Schlachtengetümmel pro Roman als unverzichtbar gilt, gerne auch mehr. Umso mehr gilt es hervorzuheben, wenn sich allmählich eine womöglich kriegsmüde, vielleicht auch bloß einfallsreichere post-Tolkien’sche High Fantasy herausbildet, die etwa Martin oder Stephen Donaldson nicht unverwandt ist und gleichzeitig darauf abzielt, die festgefahrenden Strukturen, in die High Fantasy sich hineinmanövriert hat, aufzubrechen. Dazu gehören Autor*innen wie Kameron Hurley, Scott Lynch und eben auch Daniel Abraham, dessen „Sommer der Zwietracht“ den Auftakt zu seinem „Long Price Quartet“ darstellt, in dem Wirtschaft eine weit größere Rolle spielt als klirrende Schwerter, ohne dem Roman dabei auch nur die geringste Langatmigkeit oder Verkopftheit unterstellen zu wollen.

Hervorzuheben ist zunächst einmal das Magiesystem der Welt, in der Abraham „Sommer der Zwietracht“ ansiedelt. Es ist eines der ausgefalleneren, neben Steven Eriksons „Malazan Book of the Fallen“. Der Prolog des Buches stellt die Schule der Dichter vor, in der jüngere Söhne angesehener Adelsfamilien unterrichtet werden. Die besten von ihnen werden zu Dichtern auserkoren und dazu ausgebildet, Andaten zu binden, also reine Ideen in der Gestalt eines Menschen zu fassen. Diesen Andaten liegt ein inhärenter Freiheitsdrang inne, der sie in einen ewigen Konflikt mit ihrem Dichter treibt. Jeder Andat ist die Verkörperung aller Ausprägungen dieser Idee auf der Welt; Samenlos also wäre dazu in der Lage, mit eine Handstreich alle Frauen weltweit eine Fehlgeburt erleiden zu lassen. Diese Macht begründet die Unangreifbarkeit der reichen Sommer- und Winterstädte selbst gegenüber Galtland, einem militärisch aggressiven Großreich mit intensiven Handelsverbindungen in die Städte der Khais. Die Galten suchen Samenlos‘ Konflikt mit seinem Dichter, Heshai, für ihre Zwecke auszunutzen. Im Weg stehen ihnen dabei Amat Kyaan, die einheimische Verwalterin eines galtischen Handelshauses in Saraykeht, der Dichterlehrling Maati und Itani, ein einfacher Arbeiter mit einem Geheimnis. Ins Auge fällt sofort das ungewöhnliche Setting des Romans, der in einer fernöstlich anmutenden Renaissance angesiedelt ist, traditionell und konservativ, während die Galten bereits an der Schwelle zur industriellen Revolution zu stehen scheinen. Die Betonung auf Gebährden, Höflichkeitsregeln und andere Ungewöhnlichkeiten (wie etwa die Thronfolgeregelung der Khais, nach der deren ältere Söhne die Nachfolge ihres Vaters auf Leben und Tod gegeneinander ausfechten) beweisen einen außergewöhnlichen Ideenreichtum, der das Genre in Gänze neu nuanciert.

Auch das Erzähltempo mag sich mit Lesegewohnheiten beißen. „Sommer der Zwietracht“ ist ein langsames Buch, nicht auf Lösung großer Mysterien ausgelegt oder sonstwie ein Pageturner. Es überlässt sich dem Treiben seiner Charaktere und der eben gemächlichen Gesellschaft der Sommerstädte, scheut sich nicht davor, Nebenhandlungen mit großer Sorgfalt zu entwickeln, ohne sie sofort in den Dienst der Haupthandlung zu stellen. Die von der Atmosphäre des Buches getragene Spannung leidet darunter nicht im Geringsten. Noch ungewöhnlicher angesichts des Genres erscheint, dass „Sommer der Zwietracht“, trotz dreier Fortsetzungen (die Reihe ist damit abgeschlossen), im Prinzip als Stand-Alone-Roman mit abgeschlossener Handlung funktioniert und sich damit gerade bislang dem Fantasy-Genre noch nicht sonderlich zugeneigten Leser*innen ausdrücklich anbietet.

Daniel Abraham: Sommer der Zwietracht (A Shadow in Summer), Blanvalet, 445 S., 12,00€

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