Birdman, or (The Unexpected Virtue of Ignorance) (2014)

„A thing is a thing, not what is said of that thing.“

Was passiert
BirdmanMit einer Broadway-Adaption von Raymond Carvers „What We Talk About When We Talk About Love“ versucht der gealterte Hollywood-Star Riggan Thompson alle Welt, inklusive sich selbst, davon zu überzeugen, dass er mehr ist als nur der Superheld „Birdman“, der ihn vor Jahrzehnten berühmt gemacht hat. Doch Birdman lässt sich nicht so leicht abschütteln, und die Proben des Stücks werden zu einem Desaster, als der anstrengende Method Actor Mike Shiner, der seine eigene Vorstellung von Schauspielkunst hat, kurzfristig zum Ensemble dazustößt.

Was Sache ist
Die Sache mit Batman ist, alles in allem, das Uninteressanteste an der ganzen Angelegenheit. „Birdman“ setzt quasi ein mit Thompsons Schwierigkeiten, einen passenden Schauspieler zu finden, der nicht gerade mit den Dreharbeiten zu irgendeinem Superhelden-Streifen beschäftigt ist – nur um dann bei Mike Shiner zu enden, gespielt von Edward Norton, der 2008 noch als Bruce Banner vor der Kamera stand. Der Meta-Zähler stimmt, danach vergisst man aber schnell genug, Michael Keaton damals im Bat-Kostüm gesehen zu haben – oder überhaupt in einer anderen Rolle, denn wie Thrompson, getrieben von Emmanuel Lubezkis energetischer Kameraführung, sich tiefer und tiefer in seiner artistischen Vision verstrickt, das ist schon ein Unikat. Angeführt von Keaton, besonders zu loben aber auch Emma Stone als Thompsons drogenabhängige Tochter und der lange nicht mehr so überragende Norton, spielt das Ensemble sich und uns zu dem treibenden Score von Antonio Sánchez schwindelig. „Birdman“ wirkt, auch das ein Treppenwitz, agiler und energetischer als die meisten Superhelden-Blockbuster, ein faszinierendes Tempo, das die relative Verkopfheit des Films, der auf einer technischen Ebene fraglos weitaus interessanter ist als auf einer emotionalen, beispiellos kompensiert.

Die Kamera kommt kaum einmal zur Ruhe, heftet sich von einem Rücken an den nächsten, wechselt von einer interessanten Einstellung in die nächste, ständig fließend. Ein Theaterstück imitierend – oder vielleicht auch das echte Leben, was immer das ist – enthält sich der Film (zumindest für den Laien) jeglicher offensichtlicher Schnitte. Zeit bleibt fluent, Raum fix, das Leben eine Bühne. Aspekte der Handlung werden, Thompsons innerer Zerrissenheit nachempfunden, aufgegriffen und wieder fallen gelassen, unvollendet. Die Trommeln dröhnen wieder, und die Kamera fliegt weiter, treibt „Birdman“ in einen cineastischen Rausch, in dem das Vor und das Hinter der Bühne sich zunehmend in Traum und Realität, Kunst und Rezeption, Wahrheit und Satire auflösen und sich als lediglich scheinbaren Widerspruch enttarnen: „A thing is a thing, not what is said of that thing“, steht geschrieben in Thompsons Refugium backstage, in dem eine Vergangenheit und vielleicht Zukunft als Birdman auf ihn wartet, während er sich auf der anderen Seite des Vorhangs im wahrsten Sinne des Wortes entblößt, nur noch Riggan Thompson ist. Und „what is said of that thing“? Ist Birdman Thompson? Ist Thompson Schauspieler, „Hollywood clown“, Vater, Nicht-Vater, tot, am Leben? Ist „Birdman, or (The Unexpected Virtue of Ignorance)“ ein Meisterwerk? Zumindest auf diese eine Frage drängt eine klare Antwort sich auf.

Birdman, or (The Unexpected Virtue of Ignorance) (USA 2014) | Regie: Alejandro González Iñárritu | Skript: Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Armando Bo | mit Michael Keaton, Emma Stone, Naomi Watts, Zach Galifianakis, Edward Norton, Andrea Riseborough, Amy Ryan | 119 min.

Andere Meinungen: Cellurizon, Going to the Movies, Owley

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