Snowpiercer (2013)

„Would you wear a shoe on your head? Of course you wouldn’t wear a shoe on your head. A shoe doesn’t belong on your head. A shoe belongs on your foot. A hat belongs on your head. I am a hat. You are a shoe. I belong on the head. You belong on the foot. Yes? So it is.“

Was passiert
SnowpiercerIm Jahr 2014 führt ein wissenschaftliches Experiment zur Verhinderung des Klimawandels zu einer globalen Katastrophe. Siebzehn Jahre später ist die Erde eine globale Eiswüste, und menschliches Leben existiert nur noch an Bord eines Hightech-Zugs, der unaufhörlich den Planeten umkreist. An Bord herrscht eine strikte Klassenstruktur. Während die Oberschicht an der Zugspitze ihr Luxusleben genießt, wird die Unterschicht am Ende des Zugs unterdrückt und steht kurz vor Ausbruch einer blutigen Revolte, um die Herrschaft über die Maschine zu übernehmen.

Was Sache ist
Erste Erkenntnis: Wenn du einen audiovisuell bombastischen Actioner wie diesen hier in einem Programmkino schaust, das üblicherweise auf europäischen Kunstfilm und Derartiges spezialisiert bist, geh besser mit schlechtem Gehör hinein. Zweite Erkenntnis (eigentlich nicht, ich hatte den Gedanken schon öfter, aber): Offenbar kann in Südkorea ein Film eines südkoreanischen Regisseurs zum Riesenhit werden, der größtenteils auf Englisch gedreht ist. Wie großartig es wäre, wenn amerikanische Filme sich den umgekehrten Fall auch trauen würden. (Mein Referenzfall ist das ansonsten gute Fincher-Remake von „The Girl with the Dragon Tattoo“, während dessen ein Teil meines Gehirns konstant damit beschäftigt war, darüber nachzudenken, wie vollkommen absurd es ist, dass der Film nach wie vor in Schweden spielen soll, obwohl davon nichts zu merken ist außer den Namen.) „Snowpiercer“ ist im Westen kein sonderlich großer Hit gewesen, vermutlich weil es die südkoreanische Adaption eines marxistischen französischen Comics ist, und trotz relativ großer englischer Namen wie Evans, Swinton, Bell und Hurt damit ein recht gewagtes Projekt, das auf mehr oder weniger ganzer Linie gewinnt.

Zunächst ist der Film sich seines Status als Comicverfilmung mehr als bewusst; er tut Dinge, die außerhalb dieses Genres nicht im Geringsten funktionieren würden (die Szene zum Ende hin, wenn Song Kang-ho und Chris Evans miteinander reden, jeweils auf koreanisch und englisch, und nicht mehr auf ihr Übersetzungswundergerät warten, als Paradebeispiel), und das geht mit teils löchrigen Plotelementen einher, die alles in allem wenig ins Gewicht fallen. In erster Linie möchte der Film marxistische Allegorie sein, versteht sich weniger als Dystopie denn als stellenweise grandios überzeichnete Satire auf die postmoderne Gesellschaft, in der die unteren Klassen wortwörtlich zu fressen haben, was die Oberschicht ihnen vorsetzt. Die Verweise auf Marx – „every revolution failed because they didn’t take over the machine“ – werden bis hin zur fingierte Klassendurchlässigkeit als Überbaumechanismus überdeutlich auf die Leinwand gehämmert, ohne dass sich der Film anderen Deutungen völlig entziehen würde. Dieser Unterbau (sorry) wird gegossen in einen Actionfilm, der Hollywood-Sehgewohnheiten mit Ansage bricht, man denke an den Kampf im Dunkeln, man denke an den häufigen Verzicht auf schnelle Schnitte, der zu einem der authentischsten Comicbook-Looks seit Längerem beiträgt. (Jemand schicke Kenneth Branagh doch bitte eine DVD.)

„Snowpiercer“ ist nicht unbedingt das, was man ein Actor-Movie nennen kann; umso mehr ist Tilda Swinton als fabelhaft aufgedonnerte Aufseherin (und überhaupt generell) in den Himmel zu loben. Chris Evans gibt erstaunlicherweise einen ordentlichen Clive Owen, Song Kang-ho einen schrägeren Choi Min-sik, und Jamie Bell wartet wenig überraschend immer noch auf den großen Durchbruch. Auf einer emotionalen Ebene funktioniert „Snowpiercer“ nur sehr eingeschränkt, was an den grotesken, natürlich auch grotesk gemeinten Sprüngen von Kampfsequenz in überzeichnete Gesellschaftskritik in den nächsten Kampf liegt, die mich, vermutlich bewusst, aus dem akuten Filmgeschehen herausziehen zugunsten des Subtextes, der, wie erwähnt, nicht gerade durch Subtilität punktet, wenn auch durch einiges andere. Der Film arbeitet auf so vielen verschiedenen Ebenen, dass die Kanten, an denen sie zusammengeschweißt sind, stellenweise rau bleiben. Dramatisch ist das weiter nicht, dafür ist das Tempo zu klug gewählt, das ungewöhnliche Setting zu mitreißend (ich kam nicht umhin, stellenweise an eine der besten „One Piece“-Storylines, Water Seven, zu denken, was tonal nicht sonderlich angemessen war), die Kritik zu sehr auf den Punkt, das Experiment gelungen.

Snowpiercer (설국열차, Südkorea/USA 2013) | Regie: Bong Joon-ho | Skript: Bong Joon-ho, Kelly Masterson | mit Chris Evans, Song Kang-ho, Tilda Swinton, Jamie Bell, John Hurt, Ko Ah-seong | 126 min.

Andere Meinungen: Das Ding auf der Schwelle, Going to the Movies, Flinke Filme, Owley, Symparanekronemoi, Tonight is gonna be a large one

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