George R.R. Martin – A Game of Thrones: Kapitel 59-60

„Most ravens will eat grain, but they prefer flesh. It makes them strong, and I fear they relish the taste of blood. In that they are like men … and like men, not all ravens are alike.“

Kapitel 59 – Catelyn

Was passiert
A Game of ThronesRobb erreicht mit seiner Armee die Twins. Aus dem Süden erhält er Nachricht von Edmures Niederlage vor Riverrun; umso dringender muss er nun den Fluss überqueren. Doch die einzige Brücke wird von den Freys bewacht, und Lord Walder Frey, eigentlich Gefolgsmann der Tullys, ist ein vorsichtiger alter Mann, nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht und nicht heiß darauf, den Zorn von Tywin Lannister zu riskieren. Indes fehlt es Robb an Zeit und Männern, die Twins einzunehmen und den Übergang zu erzwingen. Um eine Einigung zu erzielen, willigt Catelyn ein, sich mit Lord Walder zu treffen, um eine Einigung auszuhandeln.

Was Sache ist
Himmel, ich hatte vergessen, wie redselig der alte Lord Frey ist – auch, weil mich sein Porträt in der Serie eher weniger überzeugt hat, obwohl ich David Bradley ursprünglich für eine sehr gute Besetzung hielt. Aber er hat nicht einmal das charakteristische „heh“ zustande gebracht – obwohl Frey das zugegebenermaßen eh vergisst, wenn er einmal ins Reden kommt, vorzugsweise über seine nichtsnutzigen Söhne, Enkel etc., seine Frau a.k.a. die Möglichkeit, weitere nichtsnutzige Söhne zu bekommen, und diverse reale oder empfundene Beleidigungen, die er im Laufe seiner neunzig Jahre einstecken musste. Nebenbei bemerkt, ich bin nun relativ unempfindlich gegen größere Altersunterschiede bei Paaren, aber in diesem Fall empfinde ich doch ein wenig Mitleid für die junge Dame. Mittelalterliches Naturheilkunde-Äquivalent zu Viagra? Wird es womöglich tatsächlich gegeben haben – ich habe mich entschieden, nicht danach zu googeln – aber alles in allem ist Walder Frey im Thrones-Universum wohl diejenige Figur, die am Ehesten einer Karrikatur als einem realistischen Charakter nahekommt. Gerade darum würde mich natürlich brennend interessieren, ob GRRM ihn nach einem realen Vorbild modelliert hat.

Mir gefällt es eigentlich immer, wenn Geographie und Geopolitik in Fantasy-Epen eine zentrale Rolle spielen. Bei Tolkien, selbst noch bei Donaldson und Zeitgenoss*innen geht das nicht weit über pure Distanzen hinaus, und vielleicht gehört GRRM tatsächlich zu den ersten, die da einen etwas feineren Blick gefunden haben. Die Freys sind unter den kleineren Häusern natürlich eines der reicheren und mächtigeren, in der Politik des Reiches trotzdem alles in allem ein kleines Licht – und trotzdem kann Lord Walder den Ausgang eines Krieges mitbestimmen und ein Bündnis erpressen, das mehr als nur zu seinen Gunsten steht, einfach indem er auf einem zentralen Stück Infrastruktur sitzt – vermutlich etwas, worüber sich die meisten Lords und Ritter wenig Gedanken machen, es sei denn, es tut auf einmal Not. (Man fragt sich, wie sich Riverrun zu Beginn von Roberts Rebellion geschlagen hat, durch den Trident abgeschnitten von seinen Verbündeten und unter der Bedrohung aus Richtung Westen.) Dennoch sollte man meinen, wenn die Brücke sich für die Freys als so lukrativ erweist, hätten etwa die Mallisters wohl auf den Gedanken kommen können, für eine Alternative zu sorgen. (Der Markt regelt das schon.) So muss Robb eben mit dem leben, was er bekommt – wobei ich Aryas Reaktion auf ihre Verlobung schon gerne erlebt hätte.

Kapitel 60 – Jon

Was passiert
Jon erhält, als Dank für die Rettung vor den Wiedergängern, von Lord Mormont dessen Schwert aus valyrischem Stahl, Longclaw – und von Sam Tarly die Neuigkeit, dass sein Bruder Robb sich auf dem Marsch nach Süden, in den Krieg mit den Lannisters, befindet. Hin- und hergerissen zwischen seinem Eid und der Loyalität zu seiner Familie, wird Jon zu Maester Aemon gerufen, der ihm enthüllt, dass auch er einst vor dieser Entscheidung stand.

Was Sache ist
Jons Vaterkomplex gehört zu den langweiligsten Teilen des Buches und fällt nicht einmal dort, wo Jeor Mormont für ihn eine Art Ersatzvater darstellt, sonderlich nuanciert aus. Immerhin ist diese Art zu denken für einen vierzehnjährigen Jungen wohl noch nachvollziehbar, im Unterschied zur Serie. Aber hier ist wieder einmal ein klassischer Fall, bei dem das Denken in Ehre/Feigheit-Differenzen deutlich mehr Schaden anrichtet, als es zumindest einem hohen Lord und dessen Familie jemals nützen könnte. Ehre ist zweifelsohne dort nützlich, vielleicht sogar lebensnotwendig, wo man, gerade in Kriegszeiten, Loyalität in seinen Untertanen erwecken muss, ohne dafür bereits auf ausgefeilte Ideologie (wie Nationalismus oder eine einigermaßen fundamentalistische Religiosität) zurückgreifen zu können. Der Berufssoldat als Archetyp ist noch nicht erfunden. Hier findet sich wohl ein vages Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Lords des Nordens; ob sich das bis hin zu den einfachen Soldaten erstreckt, dürfte aber fragwürdig sein, und selbst die Lords werden nicht geneigt sein, einen aussichtslosen Krieg zu führen (siehe Walder Frey mit seinem völlig gerechtfertigten Verweis auf die einander widersprechenden Eide, die er geschworen hat).

Ein tief in der Gesellschaft verwurzelter Begriff von Ehre kann da für Wunder sorgen, umso mehr, wenn Ehre unten in der Schlachtordnung eine ideologische Qualität gewinnt, während sie weiter oben instrumentell behandelt wird – als Mittel zum Zweck, nicht als Selbstzweck, der kaum strategische Mittel offenhält. Vielleicht mag diese Art von Verstrickung des Adels in seiner eigenen Ideologie auch eine Mitschuld an seinem letztlichen Untergang tragen; das tut sie jedenfalls unbedingt für Lord Eddard, und im Grunde steht auch Jon, der von allen Kindern Neds wohl am Stärksten von ihm beeinflusst ist, eigentlich dauerhaft vor dieser Schwelle – und würde in diesem Sinne einen wunderbaren Gefolgsmann abgeben, nur schwingt in der ganzen Serie die unterschwellige Ironie mit, dass sich eigentlich kaum ein Charakter dort befindet (geographisch oder – meist – sozial), wo er am Besten aufgehoben wäre. Eine Ausnahme könnte da Maester Aemon abgeben – wobei durchaus zu fragen wäre, ob die Entwicklung des Reiches vielleicht eine etwas andere Route genommen hätte, wenn er die Krone angenommen hätte, die der Great Council ihm angeboten hatte. Sein jüngerer Bruder Aegon (the Unlikely, Urgroßvater von Dany) war zwar gut für das Reich, aber wohl weniger für seine Familie. Aber gut, das fällt definitiv in die Kategorie Spekulation; so weit kann ich eigentlich sicher nur sagen, dass Aemon locker zu meinen Lieblingscharakteren gehört und Jons fade Storyline zumindest dann und wann ein wenig aufhellt.

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