Ex Machina (2015)

„Impulse. Response. Fluid. Imperfect. Patterned. Chaotic.“

Was passiert
Ex MachinaProgrammierer Caleb kann kaum fassen, dass er in der Konzernlotterie gewonnen hat: Ein Hubschrauber bringt ihn zu einem ablegenenen Labor in der Wildnis, wo sein Boss Nathan, Milliardär und Technikgenie, an einem Meilenstein der Menschheitsgeschichte forscht: Die Erschaffung künstlicher Intelligenz. Innerhalb einer Woche soll Caleb entscheiden, ob Prototyp Ava dem Turing-Test Genüge tut – ihn davon überzeugen kann, ein eigenständiges, menschliches Bewusstsein zu besitzen. Zunächst skeptisch, bemerkt Caleb nach und nach, dass er Gefühle für die junge Frau entwickelt, die Ava ist – oder doch nur zu sein scheint?

Was Sache ist
Die Annäherung der Maschine an das Menschsein – kann sie nicht ebenso gut eine Annäherung des Menschen an das Dasein der Maschine sein? Gibt es eine Grenze, die überschreitbar ist, und haben wir sie nicht vielleicht längst überschritten? Oder ist das, was wir als Menschsein empfinden, nicht ohnehin Illusion? In einer Szene konfrontiert Caleb seinen Boss mit der Frage, ob Nathan Ava darauf programmiert habe, mit Caleb zu flirten. Nathans Antwort: Er habe Ava darauf programmiert, heterosexuell zu sein, so wie auch Caleb darauf programmiert ist – „by nature or nurture“. In einer ihrer Sessions äußert Ava die Vermutung, Caleb habe längst Gefühle für sie entwickelt, und Caleb reagiert nicht, zumindest nicht verbal, doch seine Reaktion darauf ist offensichtlich. Sie ist nicht rational, nicht die abgeklärte Sicht eines Forschenden auf einen, wie angenommen, leblosen Gegenstand, aber auch nicht wirklich emotional im vordergründigen Sinn. Stattdessen lässt sich auf dem Gesicht von Domhnall Gleeson, der Caleb verkörpert, das Abspielen eines Computerprogramms beobachten: Dieses Wesen ist nicht menschlich, lässt sich ablesen, also kann es unmöglich sein, dass ich mich zu ihm hingezogen fühle. Caleb ist „by nurture“ darauf programmiert, eine eindeutige Linie zwischen menschlichem Leben und allem anderen zu ziehen – doch diese Linie ist fragil, was sich schon daran erkennen lässt, wie oft und beliebig sie in der Geschichte der selbst ernannten Menschheit verschoben wurde.

Man könnte hier beliebige Anschlüsse setzen: Rechte für Menschenaffen, die Debatte über Schwangerschaftsabbrüche – Regisseur Alex Garland, bekannt geworden als Danny Boyles Stamm-Skriper, begnügt sich mit dem Aufstellen von Thesen. Er hat in „Ex Machina“ kein philosophisches Manifest gedreht, sondern ein stark fokussiertes Beinahe-Kammerspiel, das bisweilen an Garlands bis dato stärkstes Skript, „Sunshine“, erinnert. Dort ging es darum, was aus dem Menschsein wird, wenn es sich zu weit von sich selbst entfernt – das krampfhafte Festhalten an und im Extremfall Verlieren der Menschlichkeit. Hier ist es eine ursprünglich nichtmenschliche Instanz, die ihr Recht auf das Menschsein einfordert. „Why is it up to anyone?“, fragt Ava, als Caleb zugibt, dass es nicht an ihm liegt, was aus ihr werden wird. Hier lässt sich „Ex Machina“ auch als feministische Aussage sehen, die Selbstbehauptung der Frau gegen den mysoginistischen Archetypen Nathan, der menschliches Privileg als männliches Privileg setzt – auch wenn ihn Menschlichkeit letztlich kaum zu interessieren scheint: Als Erfinder der bedeutensten Suchmaschine weltweit fällt es ihm, wie er Caleb demonstriert, leicht, die Programmcodes eines Menschen ebenso leicht herauszufiltern und zu nutzen, wie er mit denjenigne einer Maschine hantiert. Damit wird der selbstverliebte Nathan zum Gesicht eines paradoxen, regressiven Fortschritts – „Ex Machina“ bastelt sehenswert an diesen Selbstwidersprüchen der menschlichen Natur, ohne dem Publikum selbstgerecht das Ziehen eines Fazits abzunehmen. Sei es, dass wir letztendlich alle homini ex machinae sind; sei es, dass smarte Science-Fiction ohne großes Budget immer noch funktionieren kann.

Ex Machina (UK 2015) | Regie + Skript: Alex Garland | mit Domhnall Gleeson, Oscar Isaac, Alicia Vikander, Sonoya Mizuno | 108 min.

Andere Meinungen: Going to the Movies, Owley

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3 Gedanken zu „Ex Machina (2015)

  1. Ich muss mir ja wohl wirklich endlich mal „Sunshine“ anschauen. Das ist eh noch ein Film, der mir in der Danny-Boyle-Filmographie fehlt 😀

    Zu „Ex Machina“: Fand ich toll… interessante Story (bei der ich es auch nicht schlimm fand, dass es jetzt nicht zu philosophisch wurde), tolle Darsteller (gerade Oscar Isaac fand ich echt super) und tolles Setting (hat sich alles einfach sehr stimmig angefühlt). Ein sehr cooler Film…

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    • Zu „Sunshine“: Unbedingt, gefällt mir noch um einiges besser als „Ex Machina“ – auch, weil Garland ein besserer Autor denn Regisseur ist und Danny Boyle ihm in dem Fach doch noch das ein oder andere voraus hat.

      Zu Oscar Isaac: Der erste Film mit ihm, in dem ich ihn nicht herausragend fand. Zugegeben, seine Rolle ist nicht sonderlich multidimensional, aber z.B. in „Drive“ hat er aus einer ähnlichen Rolle mehr herausgeholt. Dennoch nicht schlecht, aber mit intensiverem Acting hätte ich „Ex Machina“ wohl ein „sehr gut“ verpasst.

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  2. Vielleicht kannst du meine Kritik noch zu den „Anderen Meinungen“, obwohl meine Meinung gar nicht so weit von deiner abweicht: https://filmkompass.wordpress.com/2015/05/20/ex-machina-2015/

    EX MACHINA ist gerade deshalb so großartig, weil er kein Fingerzeig mit dem Zeigefinger ist und nicht die Moralkeule schwingt („Künstliche Intelligenz wird uns fertigmachen.“). Er zeigt einfach, was möglich ist und welche Auswirkungen das hätte. Das ist die größte Stärke des Films. Auch die Schauspieler verkörpern ihren jeweiligen Standpunkt überzeugend und packend.

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