George R.R. Martin – A Game of Thrones: Kapitel 69-70

„When dead men come hunting in the night, do you think it matters who sits the Iron Throne?“

Kapitel 69 – Tyrion

Was passiert
A Game of ThronesTywin Lannister bringt seine Streitmacht in aller Eile nach Süden, doch zu spät; am Trident angekommen, erfahren Tywin und sein Gefolge, dass Jaime gefangen genommen und die Belagerung von Riverrun aufgehoben wurde. Nun ist das Heer des Westens durch Robb Stark und die Flusslords von Casterly Rock abgeschnitten, während im Norden Roose Bolton sitzt und ostwärts die Arryns und Lord Stannis drohen. Ohne die Aussicht auf einen Friedensschluss, entscheidet Tywin sich, mit seiner Armee nach Harrenhaal zu ziehen. Indessen schickt er Tyrion nach King’s Landing, an seiner statt zu regieren.

Was Sache ist
Ein weiteres wunderbares Beispiel für die Art, in der sich „A Song of ice and Fire“ von traditionell schlachtenlastiger High Fantasy abhebt: Wir erfahren von der Schlacht um Riverrun nur aus dem Munde eines Boten, zurecht, denn viel interessanter als die Schlacht an sich sind die Reaktionen darauf, die Folgen, die die Schlacht nach sich zieht. Wir erfahren darüber ein wenig über Tywins Gefolgsleute, in diesem Fall den für einen Kriegsrat ungeeigneten Ser Harys Swyft, Gregor Clegane, der hier zum ersten Mal eine Sprechrolle bekommt und seinem Ruf mehr als gerecht wird, und Addam Marbrand, der im Gegensatz zu Swyft einen sehr kompetenten Eindruck macht und offenkundig eine wichtige Rolle in Tywins Heer einnimmt, vielleicht vergleichbar mit einem Randyll Tarly oder auch Greatjon Umber. Nicht zuletzt wäre da Kevan Lannister, der nicht die Führungsqualitäten oder die Entschlossenheit seines Vaters besitzt, aber einen fähigen Berater abzugeben scheint. Mit wem sich ein Heerführer umgibt, sagt viel über diesen aus, und das gilt umso mehr für Tywins Angewohnheit, sich den Rat seiner Gefolgsleute anzuhören, bevor er selbst spricht. (Ein interessanter Kontrast übrigens zu seinem ansonsten pompösen Auftreten, der eine gewisse Arroganz durchaus rechtfertigt.)

Angesichts dieser Überlegtheit, die Tywin an den Tag legt, kann seine Frustation über Ned Starks Hinrichtung gar nicht überbetont werden. Sie zwingt ihn zu einem regelrecht totalen Krieg, den er eigentlich nicht führen kann oder will. Insofern wird er zu der Taktik der verbrannten Erde auch eher gezwungen, wohl wissend, dass die Flusslords das gleiche mit den Westlanden machen werden, obwohl ihm klar sein muss, dass der Winter kurz bevor steht und dieser Krieg damit auch für den Westen katastrophale Folgen haben wird. Entsprechend ist die Entscheidung, zunächst gegen Robb Stark anzutreten, die weniger schlechte von mehreren furchtbaren Optionen, wobei hier in Augenschein zu nehmen wäre, wie schnell wie viel Ersatz an Truppen im Westen auszuheben wäre, um die Gebirge im Westen halten und verteidigen zu können. Würde die Aussicht bestehen, zumindest einen weiteren Vormarsch Robb Starks nach Westen von Casterly Rock aus zu verhindern, wäre es wohl klüger, direkt nach King’s Landing zu marschieren: Die Distanz nach King’s Landing von Harrenhaal und Dragonstone aus ist etwa die gleiche, was bedeuten würde, dass Stannis die Stadt wohl einnehmen könnte, ehe Tywin dort eintrifft – ganz zu Schweigen von Renly. Tyrions stille Vermutung, dass er erneut geschickt wird, um die linke Flanke zu halten, ist damit nicht so falsch, auch wenn das Verhältnis von Tyrion und Tywin in diesem Kapitel eine interessante Note erhält. Ich frage mich, ob Tyrion weiß, dass Tywin seine Abneigung gegen Huren und Konkubinen seinem Vater und dessen Mistress verdankt, und ob es ihn interessiert.

Kapitel 70 – Jon

Was passiert
Nachdem er von Neds Hinrichtung erfährt, entscheidet Jon sich, zu desertieren und nach Süden zu reiten, wird jedoch von seinen Freunden gestoppt und zurückgebracht. Mormont, der genau das erwartet hat, stellt ihn vor die Wahl: Seinen Eid zu brechen, oder mit Mormont und der Rest der Night’s Watch nach Norden, jenseits der Mauer, aufzubrechen.

Was Sache ist
Ein guter Abschluss für die von mir eher geduldete als liebgewonnene Jon-Storyline in „A Game of Thrones“. Sie fügt sich sehr gut in ein Thema ein, das die ganze Reihe hindurch immer wieder in den Vordergrund tritt, nämlich das Verhältnis von Charakteren zu ihrem Haus, in Jons Fall ähnlich kompliziert wie etwa bei Tyrion, wenn nicht noch mehr. Seine durchaus einsichtige Reaktion auf Mormonts Argument (siehe das Zitat oben) erscheint mir ein wenig gekünstelt von GRRMs Seite, allerdings fällt es mir nach der Serie auch immer wieder schwer, mir vor Augen zu halten, wie jung diese Charaktere im Buch noch sind. Herausragende Intelligenz ist sicher nichts, was ich Jon bescheinigen würde. (Dafür hat er immerhin Sam.) Entsprechend ist die emotionale Reaktion auf Neds Tod (und vielleicht weniger auf Robbs Kriegszug, auch wenn Jon wohl kaum die reflexive Reife besitzt, diese Gefühle wie Rachedurst und Ehre klar auseinanderzuhalten) sicher so verständlich wie seine letztendliche Entscheidung. Die Aussicht auf einen Auszug der Night’s Watch erhöht die Spannung natürlich enorm (und würde das wohl umso mehr tun, wenn die Reihe immer noch eine Trilogie wäre und das Abenteuer im Norden damit den wichtigen Mittelteil gestellt und explizit den Boden für die epische Schlacht um Westeros im finalen Buch bereitet hätte), auch wenn ich sie aus Mormonts Perpektive wiederum nicht für eine besonders vernüfntige Entscheidung halte. Aber auch hier haben wir wohl wieder einen Fall von mehreren schlechten Optionen, und nachher weiß man es immer besser.

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