Still the Water (2014)

„Auch Götter sterben.“

Was passiert
Still the WaterEine kleine Insel in Japan, am Rande der Welt. Der sechzehnjährige Kaito findet am Strand einen Ertrunkenen mit einer rätselhaften Tätowierung auf dem Rücken. Ist die Leiche ein ominöser Vorbote? Kyoko, die nie vom Meer ablassen kann, fürchtet um ihre todkranke Mutter. Gleichzeitig fühlt sie sich zu Kaito hingezogen, der ihre Gefühle jedoch nur zögerlich erwidert, da er immer noch mit der Scheidung seiner Eltern kämpft. Auf der Suche nach Antworten flüchtet er sich für ein Wochenende zu seinem Vater nach Tokyo. Als Kaito zurückkehrt, kündigt sich bereits ein Taifun an …

Was Sache ist
„Still the Water“ – immer noch das Meer, obwohl der englische Titel ebenso gut eine Aufforderung sein könnte. Das Meer in Naomi Kawases Film ist ausgewühlt, immer in Bewegung wie auch die Kamera, die ihre Figuren in unruhigen Großaufnahmen verfolgt, aufgewühlte Mienen vor paradiesischen Hintergründen verortet und dabei einen ruhelosen, beinahe dokumentarischen Stil an den Tag legt. Wäre eine ruhigere Kameraführung dem Anliegen förderlicher gewesen? Das Meer ist nicht nur rastlos, sein Flüstern auch in fast jeder Aufnahme zu hören, ein stetes Hintergrundrauschen für ein Dasein zwischen Natur und Zivilisation, die Kawase für eine poetische, nicht im Geringsten schwerfällige Meditation über Leben und Tod dienen. Fernab von den hoch technisierten japanischen Metropolen ist das Leben der Inselmenschen ein naturnahes, sodass ein Smartphone bereits als Fremdkörper hervorsticht und Kaitos Ausflug in die Hauptstadt dem Film einen augenfälligen Stilbruch verpasst. Auch dort pulsiert lebendige Energie, erfahren wir von Kaitos Vater, doch sie ist sichtlich eine andere als die der Wellen und Tropenstürme auf der namenlosen Insel, die sich, wie auch der Film, den natürlichen Zyklen fügt: Nur dass Kawase mit dem Tod beginnt – dem Schlachten einer Ziege, deren Blut ebenso wenig stillhalten will wie das Meer – und auf einem Akt des Lebens endet, vielleicht das Eingeständnis, dass dort, wo Zivilisation sich noch nicht ihre eigene Natur geschaffen hat, die Kamera ihren Gegenstand allenfalls als Spiegelbild zu sehen bekommt.

Man fühlt sich erinnert an Terrence Malicks Natur-im-Menschen, Natur-in-der-Natur in „The Thin Red Line“, sicher in abgeschwächter Form: Keine Minute steht zur Diskussion, den Zirkel zu durchbrechen. Spott wird geäußert über den Drang, am eigenen Leben über Dauer festzuhalten. Die Kräfte, die diktieren, sind jene der Natur, vielleicht der Götter, doch auch Götter müssen schließlich sterben – vielleicht sind es wirkliche Götter, vielleicht auch Metaphern für jenes Idyll, das zeitlos zu sein scheint und doch vielleicht eines Tages dem gleichen Zyklus unterliegen wird. So bietet die Kulisse einen seltenen Einblick in einen Winkel japanisch-fernöstlicher Kultur, der sich zwischen westlicher Moderne und Rückblick auf imperiale Arroganz behauptet, als präpolitisch jenseits von konservativ-progressiven Gegenwartsbetrachtungen. „Still the Water“ gesteht seinen Bezug zu dieser Gegenwart stets ein, führt ihn mit sich und pflegt doch gleichzeitig einen ganz eigenen, beinahe von der Zeit losgelösten Blickwinkel darauf. Nicht zuletzt ist es ein sensibler Film über zwei Teenager, die mit all diesen unsichtbaren Kräften, in dieser unabänderlichen und doch sich stetig wandelnden Welt und gerade mit der Unberechenbarkeit ihrer eigenen Gefühle irgendwie zurechtkommen müssen; ein ästhetisch eindrucksvoller, ein universeller Film, der noch lange im Gedächtnis bleibt.

Futatsume no mado (Still the Water, JP 2014) | Regie/Skript: Naomi Kawase | mit Nijirô Murakami, Jun Yoshinaga | 121 min.

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