Lost 1×01 – Pilot (Part 1)

„I just made a choice. I would let the fear in, let it take over, let it do its thing. But only for five seconds. That’s all I was going to give it.“

Was passiert
Lost Season 1Ein Mann erwacht mitten im Dschungel. Nach einem hektischen Sprint findet er sich am Strand wieder, in einer chaotischen Szenerie: Panische Überlebende tummeln sich um das halbierte Wrack eines abgestürzten Flugzeugs. Der Mann heißt Jack, ist Arzt und bemüht sich, einige der Verletzten zu versorgen, ehe er sich mit Hilfe einer jungen Frau namens Kate um seine eigenen Wunden kümmert. Andere Passagiere warten am Strand auf Rettung, vergeblich. Schließlich macht Jack sich gemeinsam mit Kate und dem abgehalfterten Rockstar Charlie auf den Weg, um das Cockpit des Flugzeugs zu finden.

Was Sache ist
Die, im doppelten Sinne, Pilot-Folge der Serie, die ich heute wohl nicht mehr als meine Lieblingsserie bezeichnen würde, mit der ich aber dennoch mehr verbinde als mit jeder anderen, beginnt im wahrsten Sinne des Wortes als Augenöffner. Wir sehen einen Mann in Anzug und Krawatte in einem (sub-)tropischen Dschungel liegen. Ebenfalls sehen wir einen Hund, von dem wir später vermuten, dass er den Namen Vincent trägt und einem der anderen Überlebenden gehört, die wir in Kurzvorstellungen präsentiert bekommen: Ein Pragmatiker namens Sayid; ein asiatisches Paar, das unter sich bleibt; ein schwangeres Mädchen, das bemerkenswert gut mit der beängstigenden Situation zurecht kommt; ein Vater, dessen Sohn Walt seinen Hund beim Absturz verloren hat; ein etwas einfältiger, aber bemühter junger Mann und seine herrische Schwester; ein liebenswerter Dude mit Übergewicht; ein noch namenloser, schräger Mann mittleren Alters, der kein Problem mit tropischem Regen hat. In ein Ensembledrama, zumal mit einem einmalig großen Cast, einzuführen ist nicht einfach, und es verlangt durchaus einiges vom Publikum, einzelne Figuren schon einmal anzunehmen, grob skizziert kennen zu lernen, ohne ihre Namen und vor allem ihre Bedeutung für die Geschichte zu kennen. Dem Piloten, der ein notwendig schnelles Tempo einschlägt, gelingt das nahezu perfekt.

Wir fokussieren uns zunächst auf drei Figuren: Jack (Matthew Fox), der bereits in Ansätzen als Anführer der kleinen Gemeinschaft auftritt, mit seiner eingangs zitierten Motivational Speech den Moment der Episode hat und sich ganz allgemein als kompetenter, recht intensiver, ein wenig humorloser Antreiber gibt; gut, einen solchen Charakter zu haben, der zu einem gewissen Teil, zumindest zu Anfang, der Story ihre Geschindigkeit vorgibt, auch wenn er nicht auf Anhieb furchtbar sympathisch wirkt. Obgleich Jack den ersten Flashback erhält, liegt der Fokus eher auf Kate (Evangeline Lilly), die bereits einen kleinen Charakter Arc durchmachen darf (sicherlich ein Überbleibsel des ursprünglich konzipierten und leider verworfenen Piloten, in dem Jack nach dem Finden des Cockpits das Zeitliche segnen sollte, woraufhin Kate die Führung der Gruppe übernommen hätte), ohne sich dabei dem Publikum bereits als vollkommen transparente Figur zu präsentieren. Das gilt umso mehr für Charlie, dessen plötzliches Verschwinden im Flugzeug ihm bereits einen dubiosen Anstrich verpasst.

Das Monster, das wir nur als Schatten bzw. durch raschelnde Bäume zu Gesicht bekommen, ist der erste offensichtliche Hinweis darauf, dass wir es nicht einfach mit einem Ensemble-„Cast Away“ zu tun haben; auch wenn der Pilot des Flugzeugs uns vor seinem Ableben mit auf den Weg gibt, dass baldige Rettung unwahrscheinlich sein dürfte. Der Episode gelingt es durchweg, Spannung und hohes Tempo aufrecht erhalten und noch zu steigern, hin zur Entdeckung des Cockpits. Vor allem auf dem Weg dorthin fällt der grandios entnervende Score von Michael Giacchino auf. Die Entscheidung der Serienmacher um J.J. Abrams und Damon Lindelof, Tempo vornan zu stellen und auf Vertrautmachen mit Sympathieträgern zunächst zu verzichten, funktioniert. „Lost“ möchte anders sein, ungewöhnlich, und das von Anfang an klar machen. Für mich der nahezu perfekte Pilotfilm, mit faszinierenden Bildern (Locke am Strand: Serien und Filme arbeiten zu selten mit weckselnden Wetterverhältnissen, natürlich nicht ohne Grund, aber „Lost“s tropische Regenfälle haben immer etwas für sich) und ausreichend Moment, um Lust darauf zu machen, diese wundervolle Serie ein weiteres Mal anzupacken: Folge für Folge, der Versuchung des Binge Watching in wohlig schaudernder Erinnerung an Eine-Folge-pro-Woche-Zeiten widerstehend, mit Rekapitulationen ohne Spoiler für noch folgende Episoden.

Flashbacks
Da in der Pilotfolge mehr als genug passiert, reicht eine vergleichsweise unspektakuläre Einführung in die Technik, die „Lost“ mehr als alles andere geprägt hat, nämlich die sich jeweils auf einen oder zwei Charaktere pro Episode fokussierenden Rückblenden. Hier ist es Jack, der sich an den Absturz erinnert. Kurz zuvor unterhält er sich zuerst mit einer Stewardess, dann mit Rose und erfährt, dass deren Ehemann sich zum Zeitpunkt des Absturzes in einem anderen Teil des Flugzeugs aufhält.

Das Zeitliche segnet:
J.J. Abrams‘ liebster That-Guy-Schauspieler, Greg Grunberg, als Pilot von Oceanic Flight 815. (Count: 1)

Offene Fragen
Wie konnten so viele Passagiere den Absturz nahezu unverletzt überstehen? Was zur Hölle ist das Monster?

Wertung: 10/10

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2 Gedanken zu „Lost 1×01 – Pilot (Part 1)

  1. Wirst du jetzt jede Folge besprechen? Wäre ein enormes Vorhaben! Mochtest du eigentlich das Finale? Ist für mich ein Grund, warum ich vermutlich nicht noch einmal die komplette Serie sehe, so grandios ich auch die ersten Staffeln fand.

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    • Ich hab zumindest Lust dazu, die erste Staffel komplett zu besprechen. Mal schauen, was danach ist. Ich weiß auch noch nicht, wie regelmäßig das wird, aber ich hab ja keinen Druck.

      Ich habe die letzten beiden Staffeln erst einmal gesehen und bin, auch deshalb, gespannt darauf, wie ich sie beim zweiten Mal, mit ein paar Jahren Abstand, finden werde. Die Serie hat zweifellos qualitativ zum Ende hin abgenommen, aber für mich zumindest nicht so krass, wie viele Fans meinten. Der Light-vs-Dark-Plot war doch eher enttäuschend, aber nicht furchtbar.

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