Captain America: Civil War (2016)

„You just started a war.“

Was passiert
Civil WarNach den Ereignissen von Sokovia ist die Staatengemeinschaft bestrebt, die Avengers an die Leine zu legen. Der von den Geistern der Vergangenheit geplagte Tony Stark ist darüber nicht unglücklich, im Gegensatz zu Steve Rogers, der auf die Handlungsfreiheit der Superhelden pocht. Als sein alter Freund Bucky Barnes a.k.a. The Winter Soldier verdächtigt wird, ein Bombenattentat begangen zu haben, verhärten sich die Fronten: Captain America ist von Buckys Unschuld überzeugt und willens, ihn notfalls auch gegen die Staatsgewalt zu verteidigen – und damit gegen Iron Man.

Was Sache ist
Lange, bevor Alan Moore und Gleichgesinnte Superhelden zu echten Menschen machten, waren sie Symbole. Nicht umsonst verbindet man mit dem Namen Superman zuallererst wohl nicht Christopher Reeves oder gar Henry Cavill, sondern das weltberühmte Logo, das beinahe so sehr wie das Stars-and-Stripes-Banner selbst für den American Way steht, was auch immer das heute noch sein mag. Übermenschliche Kräfte sind nicht per se faszinierend; von Interesse ist viel mehr, wofür sie stehen und eingesetzt werden. Superhelden-Filme versprechen dann auch am meisten, wenn nicht bloß Charaktere mit Ecken und Kanten hinter den Masken und Kostümen hervorschauen, sondern hinter den Konflikten, in die sie beinahe zwangsläufig geraten, Motivationen stehen, die das allzu simple Gut gegen Böse transzendieren – denn letztendlich ist böse das, was wir dafür halten, und was Moore in „Watchmen“ zurecht durchscheinen ließ, ist, dass nach Vietnam niemand im „Man of Steel“ noch die naive Unschuld des reinen Guten sehen konnte. Der Superheld als politisches Subjekt: Wir erkennen ihn in einem bis an die Grenzen des Faschismus ordnungswütigen Batman, der mit geschminkten Anarchisten über die Deutungshoheit über Gotham ringt, und am bisher Besten vielleicht in Brian Singers „X-Men“-Filmen, denen immer der ideologische Grundkonflikt zwischen Charles Xavier und Erik Lehnsherr zugrunde lag, für den jedwede Action nur ein Ventil darstellte.

Das Marvel Cinematic Universe, das ansonsten bisher viel richtig machte, tat sich bislang schwer mit einer solchen ideologisch-politischen Perspektive, die sicherlich in einem bonbonbunten Spektakel wie „The Avengers“ auch fehl am Platz gewesen wäre. Gleichwohl trug dieses Fehlen dazu bei, dass die Bösewichte bislang eine wesentliche Schwäche des MCU waren: stereotype Gierschlunde, oder schlimmer noch, das reine, unerklärte und unerklärliche und damit auch langweilige Böse. (Der einen positiven Ausnahme, Loki, liegt eher ein persönlicher Konflikt zugrunde.) Mit dem bis dato besten MCU-Film „The Winter Soldier“ legten Anthony und Joe Russo bereits den Grundstein, diesen Missstand zu beheben. Nun wird die Ernte eingeholt: Captain America, den „The Winter Soldier“ vom unpolitischen Soldat zum Regierungsskeptiker machte, steht hier für jenen kommunitären Libertärismus, der sich bei Tocqueville und Hannah Arendt findet, die aus dem feudalen Europa über den großen Teich gerettete Skepsis gegen Staatsmacht und den unbedingten Willen, sein Schicksal in den eigenen Händen halten zu wollen; eine Tradition, die in der heutigen amerikanischen Rechten Marktwilderei mit militantem Konservatismus vereint, auch wenn sie bei Cap freilich einer humaneren Spielart angehört. Tony Stark dagegen brach schon in „Iron Man“ mit seinem libertären Selbst, und wenngleich er, ganz Businessman, in der Vergangenheit unwillens war, sich von der Politik auf die Finger schauen zu lassen, so scheint es in diesem Kontext nicht ganz von ungefähr zu kommen, das er (und nicht Cap) in „Iron Man 3“ den Präsidenten der Vereinigten Staaten rettete.

Einen amerikanischen Comic-Blockbuster „Civil War“ zu taufen entbehrt nicht ganz einer historischen Brisanz. Entsprechend lässt er sich ohne Weiteres als Warnung lesen, wie schnell politische Differenzen in eine Abwärtsspirale führen können – ein Kommentar, ohne Zweifel, zur politischen Lage. Eine solche metaphorische Dimension überrascht angenehm in einem Film, der sich, und zwar mit Verve, als Action-Spektakel inszeniert. Nicht von ungefähr darf Daniel Brühl dann auch tatsächlich einen Antagonisten mit Tiefe geben: Statt Bösartigkeit ist hier Radikalisierung das Motiv, das den Film wie schon „The Winter Soldier“ klar in einer Post-9/11-Welt verortet. Sein Motiv mag nicht entschuldigen, aber es erklärt – und hebt damit wohltuend ab von den handelsüblichen lilanen Aliens, die lediglich der Spaß an der Weltenzerstörung umtreibt. Erstaunlicherweise braucht „Civil War“ nicht einmal viel Raum, um diesen Punkt zu machen. Mit beinahe zweieinhalb Stunden übertrifft er zwar selbst den elendig langen „Age of Ultron“, verknüpft in dieser Zeit allerdings derart kunstvoll Action-Segmente, Charakterszenen und Hintergründiges, dass es keinen Cinesasten braucht, um hier Könner am Werk zu sehen. Jeder Charakter hat seinen Moment, mit Chadwick Bosemans Black Panther und dem neuen Spiderman (Tom Holland) bekommen wir gar noch zwei Origin Stories mitgeliefert, die den rasanten Film nicht im Mindesten einbremsen. Denn alle Politik einmal beiseite: Wer das „Avengers“-interne Gekabbel zurecht für die stärksten Szenen in den Joss-Whedon-Filmen verantwortlich machte, wird hier auf Kosten kommen. „Captain America: Civil War“: Der beste Superhelden-Film seit Jahren, und ein erleichtertes Aufatmen, dass Marvel noch längst nicht am ideellen Bankrott angekommen ist.

Wertung: 8/10

Captain America: Civil War (US 2016) | Regie: Anthony Russo, Joe Russo | Skript: Christopher Markus, Stephen McFeely | mit Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Sebastian Stan, Anthony Mackie, Don Cheadle, Jeremy Renner, Chadwick Boseman, Paul Bettany, Elizabeth Olsen, Paul Rudd, Tom Holland, Daniel Brühl | 146 min.

Andere Meinungen: Going to the Movies, Miss Booleana, What’s Best in Life

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