Lost 1×05 – White Rabbit

„I looked into the eye of this island, and what I saw… was beautiful.“

Was passiert
Lost Season 1Fünf Tage auf der Insel: Nachdem er daran scheitert, eine der Überlebenden vor dem Ertrinken zu retten, glaubt ein ausgelaugter Jack am Strand einen Mann zu sehen, in dem er seinen Vater erkennt: Der Grund, weshalb Jack in Sidney war. Unsicher, ob es sich um eine Halluzination aus Schlafmangel oder doch mehr als das handelt, bricht Jack in den Dschungel auf, gerade als das Lager einen Anführer gebrauchen könnte: Die nächste Krise kündigt sich an, als der Wasservorrat der Überlebenden zu Neige geht – und schließlich gestohlen wird. Kate und Sayid haben den üblichen Verdächtigen im Auge.

Was Sache ist
Mit Jacks berühmter „Live together or die alone“-Ansprache sind wir in die Konsolidierungsphase der Inselgemeinschaft angekommen. Seine anfänglicher Unwille, die Rolle des Anführers anzunehmen, die die Überlebenden von ihm erwarten, koinzidiert mit dem Beharren seines Vaters (John Terry), Jack habe nicht das, was es brauche für einen Helden – „You don’t have what it takes“, ein grausam klingender Satz, der natürlich in einer langen Tradition steht, die dem westlichen und insbesondere amerikanischen Individualismus vorausgeht: Der einfache Mann wird nicht zum Helden. „Lost“ dagegen entstand nicht ganz zufällig im Disney-Kontext (Disney besitzt den „Lost“-Sender ABC), der den modernen Mythos des Helden seiner Umstände exemplifiziert. Noch wissen wir nicht genug über das Verhältnis zwischen Jack und Christian, insbesondere nicht den Grund für ihre Entfremdung. Wir können aber vermuten, dass dahinter ein Streben Jacks steht, aus dem langen Schatten seines Vaters, dessen Beruf er immerhin angenommen hat, zu treten.

„White Rabbit“ steht damit nicht wirklich für einen rabiaten Umbruch in Jacks Charakter: Er war von Episode 1 an der klassische Held, hatte das Potential dazu, und sein Widerwillen gegen eben diese Rolle begann erst in „Walkabout“, nicht rein zufällig auch die erste Folge, in der Jack eine Vision seines Vaters hat. Dieser ist für Jack ein regressives Symbol, wirft ihn in ebenjene Kindheit zurück, in der ihm eingeimpft wurde, er sei nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt. Der Freudsche Vater-als-Gott: Ist dessen Tod dann eher Befreiung oder Anlass tiefster Verzweiflung? Und was bedeutet das für das Eingestehen der Möglichkeit, dieser Vater-Gott könnte immer noch (oder wieder) am Leben sein? Jacks Zerschlagen des leeren Sargs erscheint mir eher ein Akt des Widerwillens gegen diese Möglichkeit zu sein, ein Sich-Wehren gegen das regressive Zurückfallen in die Rolle des Sohns, und die Annahme der Führerrolle demnach mehr Rebellion als das Verinnerlichen dieser Rolle. Ob Jack wirklich daran glaubt, bleibt erst noch zu sehen.

Die Abhängigkeit des Lagers bereits zu diesem frühen Zeitpunkt von den Entscheidungen des Doktors wird ohne Zweifel ein wenig übertrieben – Übertreibung als Mittel des Vorantreibens der Handlung ist, das ist schon jetzt klar, ein gerne genutztes Mittel der „Lost“-Autoren. In diesem Fall zieht dieses Mittel erste Gräben zwischen jenen, die sich unter die entstehende Ordnung fügen – insbesondere Kate und Sayid, aber auch Hurley und Charlie (der in dieser Folge zum ersten Mal wirklich sympathisch ins Auge fällt, und nebenbei auch mal auf das Heroinschnupfen verzichtet) als Figuren der zweiten Reihe – und denen, die eigene Entscheidungen fällen: Bei dem chronisch unfähigen Boone, dessen Beharren auf angebliche berufliche Erfolge momentan skurril an Donald Trump erinnert, führt das zunächst einmal zum De-facto-Ausschluss aus diesem inneren Kreis, während Sawyer für sich selbst längst die Position des Außenseiters eingefordert hat (nicht umsonst nimmt die Kamera bei Jacks Worten „… or we’re gonna die alone“ einen grimmig dreinschauenden Sawyer in den Blick), und von Kate und Sayid entsprechend herablassend behandelt wird. Locke dagegen operiert hier aus einer sehr ambivalenten Position: Seine vergangenen Handlungen haben ihm gewissen Respekt eingehandelt; er zieht es jedoch weiterhin vor, alleine zu handeln, in diesem Fall zugunsten Jacks, obgleich in ihrem Lagerfeuergespräch erste ideologische Konfliktlinien gezogen werden: Rationaler Zweifel vs. Glaube, ein hier erstmals erscheinendes Grundmotiv der Serie.

Flashbacks
Jack wird als Schuljunge von zwei älteren Jungen in die Mangel genommen, als er versucht, einem Freund zu helfen. Sein Vater nimmt das zum Anlass, ihm mitzuteilen, er tauge nicht zum Helden. Jahre später schwört Jacks Mutter ihn darauf ein, seinen Vater aus Australien zurück zu bringen. Zwischen beiden liegt einiges im Argen: Sein Vater ist offensichtlich Alkoholiker, und es stellt sich schließlich heraus, dass er an einem Herzinfarkt verstorben ist. In der letzten Rückblende gelingt es Jack, den Leichnam seines Vaters allen Widerständen zum Trotz an Bord von Oceanic 815 zu bringen.

Das Zeitliche segnet:
Eine vorher nicht weiter bekannte Frau namens Joanna ertrinkt auf der Insel. Christian Shephard stirbt zwischen zwei Rückblenden; wir zählen aber nur die Haupthandlung. (Count: 3)

Offene Fragen:
Was hat Jack seinem Vater getan?
Lebt Christian Shephard? Wenn ja, wie? Wenn nein, ist seine Erscheinung wirklich nur auf Jacks Erschöpfung zurückzuführen? Weiß Locke mehr darüber, als er zugibt? Wie konnte er Jack finden?

Wertung: 8/10

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